Chronische Erschöpfung und Funktionelle Medizin • Chronic Fatigue and Functional Medicine

In meiner Praxis sehe ich zunehmend Patienten, die mit den unterschiedlichsten Beschwerden von chronischer Erschöpfung und Burnout zu mir kommen. Ich sehe dabei ein sehr weitreichendes Spektrum von Symptomen: eingeschränkte Leistungsfähigkeit, schnelle Ermüdung (fatigue), Schlafstörungen, Erschöpfung (exhaustion), Depressionen, Ängste, diverse Schmerzen, Brain Fog, Sensibilitätstörungen, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme, Antriebsschwäche, Autoimmunerkrankungen (z.B. Hashimoto), POTS (Posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom), Nahrungsmittelunverträglichkeiten (food sensitivities), Unverträglichkeiten von allen möglichen Dingen, Verdauungsprobleme, Hautreaktionen, hormonelle Dysbalancen und vieles mehr.arz

 

Allen gemeinsam ist die fehlende bzw. nicht ausreichende Energie, um den Alltag und manchmal selbst kleinste Aktivitäten zu bewältigen. Die Ausprägung kann verschiedenste Formen annehmen und das Leben sehr einschränken. Ich sehe z.B. auch Patienten, die kaum noch eine Treppe ohne Belastungssymptome hochgehen können oder die schon nach wenigen Schritten außer Puste geraten. Halten die Beschwerden über mehrere Monate an, liegt evtl. ein sogenanntes Chronic Fatigue Syndrom (CFS) vor. 

 

Kommen Patienten mit diesen Beschwerden, wird natürlich erstmal nach den medizinischen Ursachen geschaut. Wenn man eine Ursache, wie z.B. einen Herzfehler oder eine Schilddrüsen-Unterfunktion feststellen kann, lässt  sich diese dann oft auch gut behandeln. Leider findet man mit den Methoden der herkömmlichen Medizin bei den chronisch erschöpften Patienten oft gar keine klaren Ursachen. Viele Patienten haben bereits eine diagnostische Odyssee hinter sich und sind verzweifelt, weil ihnen niemand erklären kann, was mit ihnen los ist und wie ihnen geholfen werden kann.

 

Hier kommt die funktionelle bzw. ganzheitliche Medizin (functional and integrative medicine) ins Spiel. Wir Menschen sind heute einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß von Stress ausgesetzt. Dieser Stress beeinflusst uns auf verschiedenen Ebenen: Wir essen zu viel und gleichzeitig nicht gut genug (z.B. Fertigprodukte). Wir sitzen zu viel und bewegen uns zu wenig. Wir sind Unmengen von Toxinen aus unserer Umwelt (Schimmel, Kosmetika, BPA in Plastikflaschen, Haushaltsreiniger, Schwermetalle, beschichtete Töpfe etc.) ausgesetzt. Bildschirme flackern ununterbrochen auf uns ein. Die Arbeitswelt ist fordernd, Multitasking angesagt. Soziale Beziehungen sind oft nur mangelhaft vorhanden und finden eher virtuell als live statt. Es hat sich weiterhin gezeigt, dass verschiedene Infektionen mit Viren (z.B. Epstein-Barr-Virus und andere Herpesviren) oder Bakterien (z.B. Lyme-Disease durch Borrelien oder Bartonella) chronische Erschöpfungzustände auslösen bzw. unterhalten können. Leider werden im Zusammenhang mit der COVID-19 Erkrankung (Coronavirus) ebenfalls länger anhaltende ernstzunehmende Erschöpfungszustände beobachtet.

 

Alle bisher genannten Faktoren stressen unseren Körper und unsere Seele zutiefst und können zu chronischen Entzündungen in unserem Körper führen. Diese chronischen Entzündungen, verlaufen z.T. von uns unbemerkt. Deshalb nennt man sie auch „silent inflammation“. Da dies überall im Körper, z.B. auch im Gehirn, auftreten kann, sind auch die Beschwerden und Symptome so vielfältig, wie oben aufgeführt. Unser Immunsystem gerät durcheinander und in Aufruhr.

 

Gibt es in unserem Leben sehr viel Stress, schüttet unser Körper immer mehr Cortisol aus. Wenn er das nicht mehr ausreichend kann, kommt es zu einer massiven Erschöpfung. Den Grad der Erschöpfung kann man z.B. mit einem Cortisol-Tagesprofil messen. Unsere Nebennieren (adrenals), die das Cortisol produzieren, erschöpfen. Man nennt das auch „adrenal fatigue“. An dieser Stelle besteht auch ein wichtiger Therapieansatz. Die Nebennieren können z.B. mit bestimmten Kräutern (z.B. sehr gute aus dem Ayurveda), den sogenannten Adaptogenen („Stress-Regulatoren“), unterstützt werden. Neben den Nebennieren werden bei chronischem Stress/ Entzündung auch die Energieversorger unseres Körpers, die Mitochondrien, stark in Mitleidenschaft gezogen. Diese können ebenfalls gut mit Supplementen unterstützt werden.

 

Die Behandlung der chronischen Erschöpfung ist ein längerfristiger Prozess. Grundlage ist eine umfassende und ausführliche ganzheitliche Diagnostik um herauszufinden, warum der Patient in einen solchen Erschöpfungszustand geraten ist (find the root causes). Die chronische Entzündung muss gestoppt und der sich im Aufruhr befindliche Körper besänftigt werden. Hier kommen auch Entspannungsverfahren, Ernährungsumstellungen, Supplementation von Vitamine, Mineralien und Kräutern sowie grundlegende Lebensstil-Veränderungen ins Spiel. Mit einem komplexen Behandlungsansatz und viel Geduld sind Schritt für Schritt Verbesserungen jedoch auf jeden Fall möglich!